Zürich stockt auf: Über 600'000 Franken pro Jahr für Beratungsstellen im Rotlicht
Die Stadt Zürich will ihre Unterstützung für Sexarbeitende in den kommenden Jahren spürbar ausbauen. Der Stadtrat beantragt dem Gemeinderat, die beiden Beratungsangebote Isla Victoria und die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) von 2027 bis 2030 mit insgesamt über 600'000 Franken pro Jahr zu finanzieren. Beide Organisationen erhalten bereits heute städtische Gelder, neu sollen die Beträge aber deutlich höher ausfallen.
Die Zahlen im Überblick
Für die Anlaufstelle Isla Victoria, die vom Verein Solidara Zürich betrieben wird, sieht der Antrag jährlich bis zu 339'652 Franken vor. Der Betrag setzt sich aus einem leistungsbezogenen Maximalbeitrag und einem Mieterlass von 35'652 Franken zusammen. In der laufenden Periode 2023 bis 2026 lag die Obergrenze bei 243'140 Franken. Das entspricht einem Plus von fast 100'000 Franken pro Jahr.
Die FIZ soll neu maximal 266'600 Franken jährlich erhalten, rund 11'000 Franken mehr als bisher. Das Geld fliesst in drei Bereiche: die Beratung für Migrantinnen und Migranten, die Opferhilfe bei Menschenhandel sowie Fachwissen und Advocacy, also die politische und fachliche Arbeit rund um das Thema.
- Isla Victoria (Solidara Zürich): bis 339'652 Franken pro Jahr, vorher 243'140 Franken
- FIZ: bis 266'600 Franken pro Jahr, vorher 255'000 Franken
- Laufzeit: 2027 bis 2030, Genehmigung durch den Gemeinderat steht noch aus
Was die beiden Stellen konkret tun
Isla Victoria ist eine niederschwellige Anlaufstelle für Sexarbeitende in Zürich. Dazu gehören Sozialberatung, ein Treffpunkt mit Mittagstisch sowie Deutsch- und Nähkurse. Zentral ist aber die aufsuchende Sozialarbeit: Mitarbeitende besuchen Salons und andere Arbeitsorte direkt vor Ort und informieren über Gesundheit, Sozialversicherungen, Aufenthaltsfragen und Rechte. Der Stadtrat begründet die Finanzierung ausdrücklich mit dem Beitrag zur Gesundheitsprävention und zur sozialen Integration.
Die FIZ konzentriert sich auf Migrantinnen in der Sexarbeit und auf Opfer von Menschenhandel. Sie hilft bei der Durchsetzung von Rechten, begleitet in schwierigen Situationen und führt ein spezialisiertes Programm mit Schutzwohnungen, das über die kantonale Opferhilfe finanziert wird. Die Stadt bezahlt die Beratungen subsidiär, also dort, wo die kantonalen Leistungspakete nicht greifen.
Warum der Sprung bei Isla Victoria so gross ist
Dass der Betrag für Solidara um rund 40 Prozent steigt, während die FIZ nur moderat mehr bekommt, hat mit der Struktur der beiden Angebote zu tun. Isla Victoria wird fast vollständig über den städtischen Beitrag finanziert, während die FIZ zusätzlich auf kantonale Opferhilfe-Gelder zurückgreifen kann. Schon bei der letzten Beitragsperiode hatte die Stadt festgehalten, dass die Beratungsangebote unverändert stark nachgefragt werden. Die aufsuchende Arbeit in den Salons ist personalintensiv und lässt sich kaum rationalisieren.
Hinzu kommt der politische Kontext: Sexarbeit ist in Zürich dieses Jahr sichtbarer denn je. Das Landesmuseum widmet dem Thema eine Ausstellung mit Begleitveranstaltungen bis in den Herbst hinein, und die Stadt hat in den letzten Jahren ihre Kontrollpraxis im Rotlicht ausgebaut. Wer Kontrollen verschärft, muss gleichzeitig Beratung anbieten, sonst verlagert sich das Gewerbe in die Unsichtbarkeit.
Was das für Salons und Studios bedeutet
Für Betreiberinnen und Betreiber von Studios, Salons und Escort-Agenturen in Zürich ist der Entscheid mehr als eine Randnotiz aus dem Stadthaus.
Mehr Präsenz vor Ort
Mit dem höheren Budget dürfte die aufsuchende Arbeit intensiviert werden. Salons müssen damit rechnen, dass Mitarbeitende von Isla Victoria regelmässiger vorbeikommen. Wer sauber arbeitet, hat davon nichts zu befürchten, im Gegenteil: Eine gute Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle ist ein Qualitätsmerkmal und schützt vor dem Vorwurf, Ausbeutung zu dulden.
Informierte Sexarbeitende als Standortvorteil
Beratungsstellen sorgen dafür, dass Sexarbeitende ihre Rechte kennen, korrekt angemeldet sind und sich um Sozialversicherungen kümmern. Für seriöse Betriebe ist das ein Vorteil. Studios, deren Damen legal und informiert arbeiten, sind bei Kontrollen im Vorteil und wirken auf Kundschaft glaubwürdiger.
Ein Signal gegen Verbotsforderungen
Dass eine rot-grün regierte Stadt wie Zürich die Finanzierung nicht nur fortführt, sondern ausbaut, ist ein klares Bekenntnis zum Schweizer Modell der legalen, regulierten Sexarbeit. Forderungen nach einem Sexkaufverbot nach nordischem Vorbild tauchen auch hierzulande regelmässig auf. Wer Beratung statt Verbot finanziert, hat sich für einen anderen Weg entschieden.
Wie es weitergeht
Der Antrag liegt nun beim Gemeinderat. Bei der letzten Beitragsperiode gab es im Parlament durchaus Diskussionen über die Höhe der Gelder, am Ende wurden sie aber bewilligt. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Zürcher Gemeinderat ist auch dieses Mal mit einer Zustimmung zu rechnen, allenfalls mit Anpassungen im Detail. Die neuen Beiträge würden ab Januar 2027 gelten.
Für die Branche lohnt es sich, die Debatte zu verfolgen. Sie zeigt, wie die grösste Schweizer Stadt das Rotlicht in den nächsten vier Jahren behandeln will: nicht mit Verdrängung, sondern mit Beratung, Präsenz und klaren Regeln.
Hilfe und Beratung: Hier können sich Betroffene melden
Wer in der Sexarbeit tätig ist und Fragen zu Rechten, Gesundheit, Aufenthalt oder Sicherheit hat, findet in Zürich kostenlose und anonyme Anlaufstellen. Auch Studios und Salons können den Kontakt vermitteln.
Isla Victoria (Solidara Zürich)
Schöneggstrasse 24
8004 Zürich
Telefon 044 291 66 00
islavictoria@solidara.ch
Walk-in: Montag bis Donnerstag, 11 bis 15 Uhr
Standort Winterthur: Steinberggasse 33, 8400 Winterthur, Telefon 052 203 05 33
FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration
Hohlstrasse 511
8048 Zürich
Telefon 044 436 90 00
contact@fiz-info.ch
Schwerpunkt: Migrantinnen in der Sexarbeit, Opfer von Menschenhandel
Flora Dora (Stadt Zürich)
Langstrasse 14
8004 Zürich
Telefon und SMS 079 248 03 35
floradora@zuerich.ch
Walk-in: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag, 15 bis 18 Uhr
Schwerpunkt: Strassensexarbeit und Escort
Opferhilfe-Telefon 142
Rund um die Uhr erreichbar, kostenlos
Für Opfer von Gewalt oder Ausbeutung, vermittelt an die passende Beratungsstelle
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