Ein Flirt beginnt mit einem Kompliment, ein paar Nachrichten später folgt die Bitte um ein intimes Bild. Kaum ist es verschickt, kippt die Stimmung: Wer nicht zahlt, dessen Aufnahmen landen bei Familie, Freunden und Arbeitgeber. Diese Masche heisst Sextortion, und sie hat in der Schweiz eine klare Zielgruppe. Gemäss der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik waren im Jahr 2025 neun von zehn geschädigten Personen männlich. Fast ein Drittel, genau 31,5 Prozent, war zur Tatzeit minderjährig.

Die Zahlen: Ein Delikt, das sich in fünf Jahren verdoppelt hat

Sextortion ist längst kein Randphänomen mehr. Für das Jahr 2024 wurden in der Schweiz rund 1'450 entsprechende Straftaten registriert, mehr als doppelt so viele wie fünf Jahre zuvor. Etwa jedes dritte Cyber-Sexualdelikt betrifft inzwischen die Erpressung mit intimen Aufnahmen. Auch die neuste Statistik für 2025 zeigt: Während die digitale Kriminalität insgesamt leicht zurückging, bleibt Sextortion ein Dauerproblem.

Auffällig ist die Geschlechterverteilung. Bei den meisten Formen sexualisierter Gewalt sind Frauen deutlich häufiger betroffen. Bei Sextortion ist es umgekehrt. Fachleute erklären das mit der Vorgehensweise der Täter: Sie setzen gezielt auf die sexuelle Neugier junger Männer und arbeiten mit attraktiven, aber komplett gefälschten weiblichen Profilen.

Wie die Masche funktioniert

Der Ablauf ist fast immer gleich und läuft in mehreren Stufen ab:

  1. Kontaktaufnahme: Ein vermeintlich junges, gut aussehendes Profil meldet sich auf Instagram, Snapchat oder einer Dating-App. Der Ton ist schnell vertraut und sexualisiert.
  2. Material erschleichen: Das Opfer wird dazu gebracht, Nacktbilder zu schicken oder sich in einem Videocall zu zeigen. Oft werden dabei heimlich Screenshots gemacht.
  3. Drohung: Unmittelbar danach folgt die Forderung: Geld, meist per Kryptowährung oder Gutscheinkarten, sonst gehen die Aufnahmen an die Kontaktliste.
  4. Wiederholung: Wer zahlt, wird in der Regel am nächsten Tag erneut erpresst. Die Zahlung beendet nichts, sie bestätigt den Tätern nur, dass das Opfer zahlungsfähig ist.

Hinter den Fällen stehen meist organisierte Gruppen im Ausland. Bekannt sind westafrikanische Netzwerke sowie Callcenter-Strukturen in Südostasien. Die Strafverfolgung ist entsprechend schwierig, weil die Täter ausserhalb der Reichweite der Schweizer Behörden sitzen.

KI als Brandbeschleuniger

Ob die breite Verfügbarkeit von KI-Werkzeugen die Fallzahlen direkt nach oben treibt, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht belegen. Klar ist aber, dass die technischen Hürden massiv gesunken sind. Fake-Profile lassen sich mit generierten Gesichtern in Minuten erstellen, Chats werden teilweise automatisiert geführt, und sogenannte Nudification-Tools erzeugen aus harmlosen Ferienfotos sexualisierte Bilder oder sogar Videos. Die Täter brauchen also nicht einmal mehr echtes Material vom Opfer. Ein öffentliches Profilbild reicht.

Dazu kommt, dass KI das Ausspähen der Opfer beschleunigt. Wohnort, Hobbys, Freundeskreis: Alles, was in sozialen Netzwerken öffentlich ist, wird automatisiert ausgewertet, um schneller Vertrauen aufzubauen und die Drohung später glaubwürdiger zu machen.

Warum das Thema die Erotikbranche direkt betrifft

Für Studios, Escort-Agenturen, Portale und Creator ist Sextortion aus mehreren Gründen relevant, auch wenn sie selbst nie Täter oder direktes Opfer sind.

Gestohlene Bilder aus Inseraten

Die gefälschten Profile brauchen glaubwürdiges Bildmaterial. Fotos aus Erotik-Inseraten, von Studio-Webseiten und aus Creator-Accounts sind dafür eine beliebte Quelle, weil sie professionell und attraktiv wirken. Wer seine Bilder nicht schützt, liefert den Tätern unfreiwillig das Rohmaterial. Wasserzeichen, regelmässige Rückwärts-Bildersuchen und rasches Melden von Kopien sind darum keine Kosmetik, sondern Selbstschutz.

Verunsicherte Kundschaft

Wer einmal erpresst wurde oder die Geschichten aus dem Umfeld kennt, wird misstrauisch gegenüber jedem Online-Kontakt mit erotischem Kontext. Seriöse Anbieter spüren das in Form von zögerlichen Anfragen und Abbrüchen. Umso wichtiger sind klare Signale von Echtheit: verifizierte Profile, ein erreichbarer Telefonkontakt statt reinem Messenger-Chat, transparente Angaben zum Betrieb und kein Druck, vorab Geld zu überweisen.

Verantwortung der Plattformen

Portale, auf denen Profile und Inserate veröffentlicht werden, geraten stärker in den Fokus. Wer Fake-Profile nicht konsequent prüft, wird zum Werkzeug der Erpresser. Verifikationsprozesse, Bildabgleich gegen bekannte Diebstähle und eine funktionierende Meldestelle gehören heute zum Pflichtprogramm eines Erotikportals, nicht zur Kür.

Was Betroffene tun sollten

Fachstellen und das Bundesamt für Cybersicherheit sind sich in ihren Empfehlungen einig:

  1. Nicht zahlen und kein weiteres Bildmaterial schicken. Jede Zahlung führt zur nächsten Forderung.
  2. Kontakt abbrechen, das Profil blockieren, aber vorher alles sichern.
  3. Beweise sammeln: Chatverläufe, Profilnamen, Nutzer-IDs, Zahlungsaufforderungen und Screenshots.
  4. Anzeige erstatten bei der Kantonspolizei. Minderjährige und Eltern finden zusätzlich Hilfe bei spezialisierten Meldestellen für digitale sexualisierte Gewalt.
  5. Reden statt schweigen: Scham ist das stärkste Druckmittel der Täter. Eine Vertrauensperson, die zuhört und keine Vorwürfe macht, nimmt ihnen dieses Mittel aus der Hand.

Hilfe und Meldestellen in der Schweiz

Diese Anlaufstellen sind kostenlos, seriös und auf genau solche Fälle vorbereitet. Im akuten Notfall gilt immer die Polizei-Notrufnummer 117.

Polizei · Anzeige

Suisse ePolice

Der Online-Polizeiposten der Kantone. Erpressung und Betrug lassen sich hier rund um die Uhr anzeigen, sofern der Wohnkanton angeschlossen ist. Sonst hilft der nächste Polizeiposten weiter.

Polizei · Hinweis

Cybercrimepolice.ch

Die Plattform der Schweizer Polizeikorps sammelt Hinweise zu neuen Maschen und warnt die Bevölkerung. Ideal, um ein Fake-Profil oder eine neue Erpressungsvariante zu melden.

Bund · Cybersicherheit

BACS Meldeformular

Das Bundesamt für Cybersicherheit nimmt Meldungen zu Sextortion, Phishing und Betrug entgegen und gibt eine Einschätzung zum weiteren Vorgehen.

Minderjährige · Meldestelle

clickandstop.ch

Melde- und Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Netz. Anonym, kostenlos, mit Chat und Formular, auch für Eltern.

Jugendliche · Beratung

Pro Juventute 147

Rund um die Uhr per Telefon 147, Chat, SMS oder E-Mail. Für Jugendliche, die nicht wissen, wem sie sich anvertrauen sollen, und für besorgte Eltern.

Betroffene · Opferhilfe

Opferhilfe Schweiz

Die kantonalen Opferhilfe-Beratungsstellen unterstützen kostenlos und vertraulich, auch juristisch und psychologisch, unabhängig von einer Anzeige.

Prävention · Wissen

Schweizerische Kriminalprävention

Hintergrund, Warnsignale und Verhaltenstipps zu Sextortion, zusammengestellt von den kantonalen Polizeikorps. Auch für Studios und Portale als Schulungsgrundlage geeignet.

Fazit

Sextortion ist in der Schweiz ein Massendelikt geworden, das gezielt junge Männer trifft und durch KI-Werkzeuge immer einfacher wird. Für die Erotikbranche bedeutet das eine doppelte Aufgabe: die eigenen Bilder und Profile vor Missbrauch schützen und der Kundschaft mit überprüfbarer Echtheit begegnen. Wer beides ernst nimmt, schützt nicht nur potenzielle Opfer, sondern auch das Vertrauen in seriöse Anbieter.