Ein Interview mit einer Berner Sexarbeiterin sorgt diese Woche für Gesprächsstoff. Nicht wegen der üblichen Schlagzeilen aus dem Rotlicht, sondern weil die Frau ihr Geschäft öffentlich führt: Sie tritt unter einer Kunstfigur auf Instagram auf, erreicht dort mehrere tausend Follower, verdient einen wesentlichen Teil ihres Einkommens über eine Bezahlplattform für erotische Inhalte und arbeitet parallel weiterhin analog in Studios, Clubs und der eigenen Wohnung. Hasskommentare beantwortet sie nicht mit Rückzug, sondern mit Reichweite. Für die Schweizer Erotikbranche ist das mehr als eine persönliche Geschichte. Es ist ein Blick auf ein Geschäftsmodell, das sich gerade durchsetzt.

Vom anonymen Inserat zur öffentlichen Marke

Jahrzehntelang funktionierte Sexarbeit in der Schweiz nach einem einfachen Prinzip: möglichst wenig Öffentlichkeit. Ein Inserat auf einem Portal, ein Vorname, ein paar Bilder ohne Gesicht, eine Telefonnummer. Wer diskret blieb, schützte sich vor Nachbarn, Familie und späteren Arbeitgebern. Dieses Prinzip gilt für die grosse Mehrheit der Sexarbeitenden bis heute, und Beratungsstellen betonen seit Jahren, dass viele Frauen die Angst haben, irgendwann im Netz erkannt zu werden.

Daneben entsteht jedoch eine zweite Gruppe, die den umgekehrten Weg geht. Sie baut bewusst eine Kunstfigur mit eigenem Namen auf, spricht auf Social Media über den Berufsalltag, beantwortet Fragen und Kritik öffentlich und verkauft Inhalte online. Die Berner Sexarbeiterin beschreibt ihre Figur als stark, selbstbewusst und unabhängig. Das ist kein Zufall, sondern Markenführung: Die Figur trägt Eigenschaften, die die Person selbst schützen und gleichzeitig die Kundschaft ansprechen.

Das Hybridmodell: analog und digital gleichzeitig

Bemerkenswert ist, dass die Online-Präsenz das klassische Geschäft nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die Frau arbeitet weiterhin vor Ort, war nach eigenen Angaben immer ihre eigene Chefin und nutzt die Plattform als zusätzliches Standbein. Genau dieses Bild zeichnen auch Betreiberinnen und Betreiber aus der Branche schon länger: Bezahlplattformen für erotische Inhalte gelten nicht als Konkurrenz für Studios und Clubs, sondern als Zusatzangebot. Die Kundschaft, die persönliche Nähe sucht, verschwindet nicht, nur weil es im Netz Videos gibt.

Für Anbieterinnen ergibt sich daraus ein Mix aus mehreren Kanälen:

  1. Erotikportale für die Auffindbarkeit bei Suchenden mit konkreter Buchungsabsicht
  2. Eine eigene Webseite als Basis, die von keiner Plattform gesperrt werden kann
  3. Instagram oder TikTok als Schaufenster für Persönlichkeit und Reichweite, ohne explizite Inhalte
  4. Telegram für Anwesenheiten, Termine und direkte, anonyme Kommunikation
  5. Eine Bezahlplattform für digitale Inhalte als passives Zusatzeinkommen

Die genannte Einkommensspanne von 6'000 bis 20'000 Franken pro Monat, je nach Arbeitsvolumen, zeigt die grosse Streuung in diesem Modell. Wer mehrere Kanäle bespielt, verdient nicht automatisch mehr, aber sie ist weniger abhängig von einem einzelnen Portal oder einem einzelnen Studio.

Hater als Reichweitenmaschine

Der vielleicht interessanteste Punkt für Marketing-Interessierte ist der Umgang mit Anfeindungen. Die Sexarbeiterin sagt offen, dass sie es geniesst, die Zeit ihrer Hater zu verschwenden, und dass diese sie viral gehen lassen. Das ist kein Zynismus, sondern eine nüchterne Beobachtung, wie Algorithmen funktionieren: Kommentare, Antworten und Teilen erhöhen die Sichtbarkeit eines Beitrags, unabhängig davon, ob die Reaktion positiv oder negativ ist. Wer emotional polarisiert, wird ausgespielt.

Für Studios und Clubs ist diese Strategie allerdings nur bedingt übertragbar. Eine Einzelperson kann Provokation als Teil ihrer Kunstfigur nutzen. Ein Betrieb mit Bewilligung, Nachbarschaft und Behördenkontakt hat andere Interessen. Hier lohnt sich eher ein ruhiger, professioneller Auftritt, der Seriosität signalisiert.

Die Risiken der Sichtbarkeit

Wer als Sexarbeiterin öffentlich wird, gibt die Anonymität dauerhaft auf. Das Internet vergisst nicht, und ein späterer Berufswechsel wird schwieriger. Dazu kommen konkrete Gefahren, die in der Branche bekannt sind:

  1. Plattformsperren: Instagram und TikTok löschen Accounts aus dem Erotikbereich oft ohne Vorwarnung, auch bei nicht expliziten Inhalten. Wer keine eigene Webseite und keinen Telegram-Kanal hat, verliert seine Community auf einen Schlag.
  2. Fake-Profile: Je bekannter eine Kunstfigur, desto attraktiver werden ihre Bilder für Betrüger, die damit gefälschte Inserate und Fake-Accounts aufbauen. Regelmässige Rückwärts-Bildersuchen gehören deshalb zur Pflicht.
  3. Deepfakes: Öffentlich verfügbare Bilder und Videos sind Trainingsmaterial für manipulierte Inhalte, gegen die man sich rechtlich in der Schweiz noch schwer wehren kann.
  4. Stalking: Wer Persönlichkeit zeigt, zieht auch Personen an, die Nähe erzwingen wollen. Adresse, Autokennzeichen und erkennbare Hintergründe gehören nie in ein Bild.

Was die Branche daraus lernen kann

Der Fall aus Bern zeigt, dass Sexarbeit in der Schweiz nicht mehr nur über Portale und Mundpropaganda funktioniert. Die Grenze zwischen Sexarbeiterin, Content Creatorin und Influencerin verschwimmt. Für Studios, Escort-Agenturen und Portale heisst das: Die Frauen, die sie beherbergen oder vermitteln, bringen zunehmend ihre eigene Reichweite mit. Wer ihnen technisch entgegenkommt, etwa mit verlinkbaren Profilseiten, aktuellen Anwesenheiten und einer Telegram-Anbindung, profitiert von dieser Reichweite. Wer dagegen weiterhin auf anonyme Standardinserate setzt, verliert genau die Anbieterinnen, die heute die meiste Aufmerksamkeit erzeugen.

Gleichzeitig bleibt die Diskretion für die grosse Mehrheit der Sexarbeitenden das wichtigste Gut. Das Hybridmodell ist eine Option, kein Standard. Die Aufgabe für Webdesign und Marketing besteht darin, beide Wege zu ermöglichen: die anonyme Präsenz ebenso wie die öffentliche Marke, auf einer technischen Basis, die der Anbieterin gehört und nicht der Plattform.