Sex zuerst, Marke danach: Was die Datingshow «Maison Tabou» über Erotik-Marketing verrät
Ab dem 30. September zeigt der deutsche Privatsender RTL Zwei eine Datingshow, welche die übliche Reihenfolge umdreht: erst die gemeinsame Nacht, dann das Kennenlernen. Hinter «Maison Tabou» steckt mehr als ein Fernsehexperiment. Die Produktionsfirma baut das Format gemeinsam mit dem Flensburger Erotikunternehmen Orion zu einer eigenen Marke aus, samt Sextoy-Linie. Und mit einem Polizisten aus dem Aargau ist auch ein Schweizer mit von der Partie.
Was ist passiert
Das Konzept: Die Identität bleibt an der Rezeption
Die Singles checken in ein Hotel ein und geben dort ihre Identität ab. Name, Alter, Beruf und Wohnort spielen bei den ersten Begegnungen keine Rolle. Stattdessen treffen sie sich bei inszenierten Dates unter wechselnden Mottos, mit anderem Namen, in einer Rolle und teils mit Maske. Wenn beide einverstanden sind, können sie sich in eine Suite zurückziehen, die unter anderem mit Kondomen, Gleitgel, Ölen, Augenmasken, Handschellen und Sexspielzeug ausgestattet ist. Über allem wacht eine Gastgeberin namens «Madame». Sie plant die Dates und beobachtet die Begegnungen, ohne selbst von den Singles gesehen zu werden.
Die Auflösung folgt am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück. Erst dann erfahren die Teilnehmenden, mit wem sie die Nacht verbracht haben, und entscheiden, ob es bei dieser einen Nacht bleibt. Berichten zufolge wurden alle Kandidatinnen und Kandidaten vorab zweimal auf sexuell übertragbare Infektionen getestet, zuerst in ihrer Heimatregion und danach vor Ort mit einem Labor. Einige durften nach diesen Tests nicht teilnehmen.
Die Folgen sind seit dem 23. September auf der Streamingplattform RTL+ abrufbar, jeweils eine Woche vor der TV-Ausstrahlung. Im linearen Programm läuft die Show ab dem 30. September jeweils mittwochs um 23.35 Uhr.
Ein Aargauer Polizist als «Crasher»
Mit dabei ist ein 35-jähriger Polizist aus dem Aargau. In der Sendung tritt er unter dem Namen «Leon» als sogenannter Crasher auf: Er darf auf Partys zu laufenden Dates stossen und sich einmischen. Seine Teilnahme hat er nach eigenen Angaben vorab mit seinem Kommandanten besprochen, der grundsätzlich offen gewesen sei. Gedreht wurde während seiner offiziellen Ferien. Gereizt habe ihn, jemanden kennenzulernen, ohne die üblichen oberflächlichen Kriterien. Zugleich sagt er, eine Kamera verändere jede intime Situation, und er habe Grenzen gezogen, die er nicht überschreiten wollte. Auch ein Polizist sei letztlich eine Privatperson.
Das Format als Marke
Aussergewöhnlich ist das Geschäftsmodell dahinter. Die Produktionsfirma UFA Show & Factual behält nach eigenen Angaben erstmals die Rechte an einem eigenen Format. Gemeinsam mit dem Sender und Orion soll «Maison Tabou» zu einer eigenständigen Marke werden: mit Merchandise, einer hochwertigen Produktlinie und eigenen Sextoys unter dem Label der Show. Sendestart und Lancierung der Produkte sind für den Herbst 2026 angekündigt. Die Marketingverantwortliche von Orion begründet die Zusammenarbeit damit, dass Inhalte rund um Sex und Sextoys heute zwar allgegenwärtig seien, aber oft gestellt wirkten. Echte Menschen machten den Unterschied.
Was das für die Branche bedeutet: eine Einschätzung
Erotik rückt ins Abendprogramm, als Produktwelt
Aus unserer Sicht zeigt das Format vor allem eines: Erotik wird im Mainstream-Fernsehen nicht mehr nur als Skandal verkauft, sondern als Markenwelt. Wer ein TV-Format von Anfang an mit einer Sextoy-Linie plant, behandelt Lust als Produkt mit Wiedererkennungswert. Ob das Publikum mitzieht, werden Einschaltquoten und Verkäufe zeigen. Belastbare Zahlen dazu gibt es noch nicht.
Was Schweizer Anbieter daraus mitnehmen können
- Inszenierung statt Nacktheit: Die Show arbeitet mit Masken, Rollen, Mottos und Neugier. Das legt nahe, dass auch Studios, Clubs und Agenturen mit Themenabenden, Rollenspiel-Angeboten und einer klaren Bildsprache mehr erreichen können als mit expliziten Bildern, die auf vielen Werbekanälen ohnehin nicht zugelassen sind.
- Anonymität als Erlebnis: Das Format macht aus dem Weglassen von Name und Lebenslauf eine Geschichte. Diskretion ist in unserer Branche seit jeher ein Kernbedürfnis der Kundschaft. Man kann sie aktiv erzählen, statt sie nur im Kleingedruckten zu versprechen.
- Gesundheit sichtbar machen: Dass eine Unterhaltungsshow Tests auf sexuell übertragbare Infektionen zum Thema macht, halten wir für ein interessantes Signal. Betriebe, die Safer Sex und Hygiene offen kommunizieren, dürften eher Vertrauen gewinnen als verlieren. Das ist eine Annahme, keine gemessene Grösse.
- Kooperationen denken: Das Zusammenspiel von Produktion, Sender und Händler lässt sich im Kleinen übertragen, etwa wenn ein Studio mit einem lokalen Erotikshop oder einer Eventlocation gemeinsame Aktionen plant. Ob sich das rechnet, hängt stark vom Einzelfall ab.
Die Grenzen
Eine Einschränkung gehört dazu. Ein Reality-Format lebt von Aufmerksamkeit, und nicht jede Aufmerksamkeit ist erwünscht. Selbst der Polizist betont, dass ihm die Aussenwirkung bewusst war. Für Menschen in der Sexarbeit, die ihre Anonymität schützen müssen, bleibt öffentliche Sichtbarkeit ein Risiko, das kein Fernsehformat auflöst. Offenheit über Sexualität im Abendprogramm ist das eine, der Schutz der Privatsphäre im Berufsalltag das andere.
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