Recht auf Lust: Luzern bekommt eine Fachstelle für Sexualität und Behinderung
Über Sexualität wird in der Schweiz offener gesprochen als noch vor zwanzig Jahren. Eine Gruppe bleibt dabei aber fast immer aussen vor: Menschen mit einer körperlichen oder kognitiven Behinderung. Genau für sie hat Mitte August in Luzern ein neues Kompetenzzentrum mit einer unabhängigen Fachstelle seine Arbeit aufgenommen. Es ist die erste offizielle Anlaufstelle dieser Art in der Zentralschweiz.
Was die neue Fachstelle in Luzern anbietet
Die Fachstelle richtet sich an Menschen mit Behinderungen, aber auch an ihre Angehörigen und an Betreuungspersonen in Wohnheimen, Werkstätten und sozialen Institutionen. Wer Fragen zu Körper, Verhütung, Beziehungen, Nähe und Distanz oder zu den eigenen Grenzen hat, findet hier Beratung, ohne dass zuerst Eltern, Beistände oder Heimleitungen zustimmen müssen. Aufgebaut wird das Angebot von einer Fachperson für sexuelle Gesundheit, die bereits in St. Gallen ein vergleichbares Zentrum mitentwickelt hat und nun in Luzern unter dem Namen Zäme+ auftritt.
Der Bedarf ist belegt: Menschen mit Behinderungen erleben laut Untersuchungen zwei- bis dreimal häufiger sexualisierte Gewalt als der Rest der Bevölkerung. Gleichzeitig fehlte in der Zentralschweiz bisher jede offizielle Stelle, an die sich Betroffene wenden konnten. Die neue Fachstelle soll beides abdecken: Schutz vor Übergriffen und Unterstützung beim selbstbestimmten Ausleben der eigenen Sexualität.
Wenn andere über das Liebesleben entscheiden
Ein Fall aus der Beratungspraxis zeigt, wo die eigentliche Schwierigkeit liegt. Eine Frau mit Behinderung führt eine Beziehung, die ihrem Umfeld Sorgen bereitet. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde schaltet sich ein und sucht Rat. Die Antwort der Fachstelle fällt unbequem aus: Auch diese Frau habe das Recht, eine schlechte Beziehung zu führen. Selbstbestimmung heisse eben auch, Entscheidungen treffen zu dürfen, die andere nicht gutheissen.
Dieser Satz beschreibt das doppelte Tabu recht genau. Sexualität ist für viele Familien schon ohne Behinderung ein schwieriges Thema. Kommt eine Beeinträchtigung dazu, übernehmen oft Eltern, Beistände oder Betreuungspersonen die Rolle der Beschützenden und entscheiden mit, was erlaubt ist und was nicht. Die UNO-Behindertenrechtskonvention, die auch für die Schweiz gilt, sieht das anders: Sie hält das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ausdrücklich fest.
Sexualbegleitung: ein Beruf zwischen Pflege und Erotik
Wer sich mit dem Thema beschäftigt, landet schnell bei der Sexualbegleitung. Dahinter stehen ausgebildete Personen, die Menschen mit Behinderungen oder älteren Menschen körperliche Nähe, Berührung und sinnliche Erfahrungen ermöglichen. In der Schweiz existiert dafür eine eigene Ausbildung mit mehreren Wochenendmodulen, und die Vermittlung läuft in der Regel über Fachstellen oder spezialisierte Verzeichnisse. Eine Stunde Begleitung kostet um die 150 Franken, dazu kommen Anfahrt und ein Erstgespräch.
Die Abgrenzung zur klassischen Sexarbeit ist bewusst gezogen: Geschlechtsverkehr und Oralsex sind bei den meisten Anbietenden ausgeschlossen, im Zentrum stehen Zeit, Zärtlichkeit und das Erleben des eigenen Körpers. Dennoch bewegt sich das Feld rechtlich und gesellschaftlich in derselben Grauzone wie das Rotlicht. Als eine grosse Schweizer Behindertenorganisation vor gut zwanzig Jahren eine Ausbildung für sogenannte Berührerinnen lancierte, brachen die Spenden so stark ein, dass das Projekt noch im selben Jahr an einen anderen Träger abgegeben wurde.
Warum das Thema die Erotikbranche betrifft
Auf den ersten Blick hat eine Beratungsstelle in Luzern wenig mit Studios, Escort-Agenturen oder Erotikportalen zu tun. Bei genauerem Hinsehen gibt es drei Berührungspunkte.
- Eine Kundschaft, die bisher kaum jemand anspricht. Menschen mit Behinderungen haben dieselben Bedürfnisse wie alle anderen, finden aber selten Angebote, die auf sie zugeschnitten sind. Wer als Studio oder Escort-Agentur offen kommuniziert, dass Rollstuhlzugang, längere Zeitfenster oder Begleitpersonen möglich sind, spricht eine Zielgruppe an, die sonst niemand bedient.
- Barrierefreiheit ist auch ein Webdesign-Thema. Grosse Kontraste, lesbare Schriftgrössen, Bedienung per Tastatur und klare Sprache sind auf vielen Erotikseiten Fehlanzeige. Dabei gelten die Grundregeln der Zugänglichkeit für ein Studio-Inserat genauso wie für eine Behördenseite. Screenreader-taugliche Anwesenheitslisten oder ein Kontaktformular ohne Bildrätsel sind keine Hexerei.
- Diskrete Kontaktwege gewinnen an Gewicht. Wer in einem Wohnheim lebt, kann nicht einfach unbeobachtet telefonieren. Textbasierte Kanäle wie Telegram oder ein Kontaktformular mit Rückruf-Option senken die Hürde erheblich. Genau solche Kanäle setzen sich in der Branche ohnehin durch.
Kontakt: Verein Zäme+ Luzern
| Verein Zäme+ · Kompetenzzentrum für sexuelle Gesundheit von Menschen mit Behinderungen | |
|---|---|
| Leitung | Claudia Schwingruber, Fachfrau für sexuelle Gesundheit |
| Standort | Luzern. Beratung vor Ort, per Telefon oder Zoom. Bei mehreren Anfragen aus demselben begleiteten Wohnen auch direkt in der Institution. |
| Angebot | Kostenlose Beratung für Menschen mit Behinderungen sowie für Angehörige, Fachpersonen und Behörden |
| Betrieb | Start 17. August 2026, Pilotphase bis Ende 2026 an einem Tag pro Woche |
| Finanzierung | Ernst Göhner Stiftung |
| Kontakt | Noch keine eigene Webseite und keine öffentliche Telefonnummer. Anfragen laufen derzeit direkt über Claudia Schwingruber, erreichbar über ihr LinkedIn-Profil. |
| Alternative Anlaufstelle in der Zentralschweiz | |
|---|---|
| Fachstelle | S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz |
| Adresse | Museggstrasse 27, 6004 Luzern |
| Telefon | 041 410 69 60 |
| info@sundx.ch | |
| Beratung | Kostenlos und vertraulich, auf Wunsch anonym. Montag bis Donnerstag. |
Was jetzt zu erwarten ist
Die Luzerner Fachstelle wird in den kommenden Monaten Beratungen aufbauen, Betreuungspersonen schulen und Institutionen sensibilisieren. Ob sie auch aktiv an Sexualbegleitung vermittelt, wie es das Vorbild in der Ostschweiz tut, ist noch offen. Klar ist: Sobald eine offizielle Stelle das Recht auf Sexualität für Menschen mit Behinderungen öffentlich vertritt, wächst der Druck auf Heime, Behörden und Familien, dieses Recht auch im Alltag zuzulassen.
Für die Erotikbranche ist das eine leise, aber echte Veränderung. Wer seine Angebote, Räume und Webseiten schon heute so gestaltet, dass sie für möglichst viele Menschen zugänglich sind, ist vorbereitet, wenn diese Kundschaft sichtbarer wird. Und wer das Thema respektvoll kommuniziert, gewinnt Vertrauen bei einer Gruppe, die bisher fast überall auf verschlossene Türen gestossen ist.
Noch keine Kommentare – sei die / der Erste!