Zehn Jahre nach dem Start hat die Betreiberfirma von OnlyFans Ende August ihre Jahreszahlen veröffentlicht. Die Schlagzeile ist gewaltig: Seit 2016 sind mehr als 30 Milliarden US-Dollar an Creator geflossen, allein im Geschäftsjahr bis Ende November 2025 waren es rund 6,3 Milliarden. 5'076 Accounts haben in dieser Zeit über eine Million Dollar verdient. Die Plattform wächst weiter und bereitet sich offenbar auf den Börsengang vor. Wer die Zahlen genauer liest, findet aber auch die andere Seite der Geschichte: Für die grosse Mehrheit der Creator bleibt der Verdienst bescheiden. Für die Schweizer Erotikbranche ist die Bilanz aus zwei Gründen interessant: Sie zeigt, wie ein Abo-Modell funktioniert, und sie zeigt, wo seine Grenzen liegen.

Die Kennzahlen im Überblick

Die wichtigsten Werte aus dem Geschäftsbericht für das Jahr bis Ende November 2025:

  1. Rund 1,6 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von etwa zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr
  2. Rund 715 Millionen Dollar Gewinn vor Steuern, ein Plus von rund fünf Prozent
  3. Etwa 6,3 Milliarden Dollar Auszahlungen an Creator im Berichtsjahr, insgesamt über 30 Milliarden seit 2016
  4. Rund 5 Millionen registrierte Creator-Konten, davon etwa 2,5 Millionen aktiv
  5. Rund 437 Millionen registrierte Fan-Konten, davon etwa 132 Millionen aktiv
  6. Nur 47 fest angestellte Mitarbeitende; Moderation und Betrieb laufen weitgehend über externe Dienstleister

Das Geschäftsmodell ist bekannt: Die Plattform behält 20 Prozent jeder Zahlung, 80 Prozent gehen an die Creator. Bei 6,3 Milliarden Auszahlung ergibt das die genannten 1,6 Milliarden Umsatz. Was auffällt, ist die extreme Schlankheit des Betriebs. Umgerechnet erwirtschaftet jede angestellte Person über 30 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr. Möglich ist das nur, weil die Inhalte von Millionen Creator produziert werden und die Plattform sich auf Zahlungsabwicklung, Compliance und Technik beschränkt.

Ein bewegtes Jahr für die Eigentümer

Die Zahlen erscheinen in einer Umbruchphase. Der langjährige Eigentümer ist im März 2026 im Alter von 43 Jahren verstorben. Zuvor hatte er sich noch Dividenden in dreistelliger Millionenhöhe auszahlen lassen. Im Mai stieg ein Investor aus San Francisco mit 16 Prozent ein und bewertete das Unternehmen dabei mit rund 3,15 Milliarden Dollar. Der Investor sieht nach eigenen Angaben keine regulatorischen Hürden für einen Börsengang in den USA.

Diese Ausrichtung erklärt auch die Strategie der letzten Monate. OnlyFans baut seit dem Frühling gezielt Bereiche ohne Erotik aus: Sport, Comedy, Podcasts und Fitness haben eigene Entdeckungsseiten erhalten. Die Geschäftsleitung spricht in ihrer Stellungnahme betont von Wachstum «über alle Kategorien und Genres». Wer Investoren und später Börsenanleger gewinnen will, muss den Anteil des Erotikgeschäfts zumindest optisch verkleinern. Für Creator aus der Erotikbranche ist das ein Warnsignal, das man kennt: Plattformen, die salonfähig werden wollen, verschärfen erfahrungsgemäss irgendwann ihre Regeln.

5'000 Millionäre und ein Median nahe null

Die 5'076 Creator-Millionäre entsprechen etwa 0,1 Prozent aller registrierten Konten. Der Rest teilt sich den grossen Rest. Rechnet man die Auszahlungen des Vorjahres auf alle damals registrierten Creator-Konten um, landet man bei rund 100 Dollar pro Konto und Monat. Die Zahl ist mit Vorsicht zu geniessen, weil sie auch verwaiste Konten enthält. Doch auch unabhängige Stichproben aus früheren Jahren zeigen dasselbe Muster: Der häufigste monatliche Verdienst lag bei null Dollar, der Median unter 200 Dollar, und das oberste Prozent der Accounts vereinte rund ein Drittel aller Einnahmen auf sich.

Diese Verteilung ist kein Zufall und keine Fehlentwicklung, sondern die Logik jeder Aufmerksamkeitsökonomie. OnlyFans ist im Kern eine Bezahlschranke mit Chat-Funktion, keine Suchmaschine für neue Gesichter. Die Plattform bringt kaum eigene Reichweite mit. Wer Abonnenten will, muss sie selbst mitbringen, meist über Instagram, TikTok, X oder Reddit. Das bevorzugt strukturell alle, die bereits ein Publikum haben. Bestes Beispiel sind die vielen Prominenten, die 2026 auf die Plattform gewechselt sind und teilweise innerhalb weniger Tage siebenstellige Beträge erzielt haben. Sie starten mit Millionen Followern, während unbekannte Creator monatelang Reichweite aufbauen müssen.

Was das für die Schweizer Branche bedeutet

Für Creator

Der Traum vom passiven Einkommen mit Handykamera hat mit der Realität wenig zu tun. Wer als Creator in der Schweiz erfolgreich sein will, betreibt ein Kleinunternehmen: Content-Planung, tägliches Chatten, Cross-Promotion auf Social Media, Buchhaltung. Dazu kommen die Schweizer Pflichten, die gerne vergessen gehen. Einnahmen gelten als selbständiger Erwerb und müssen in der Steuererklärung deklariert werden, bereits im Nebenerwerb ab wenigen tausend Franken pro Jahr fallen AHV-Beiträge an, und ab 100'000 Franken weltweitem Umsatz wird die Mehrwertsteuer zum Thema. Wer die Auszahlungen in Dollar über eine klassische Schweizer Bank empfängt, verliert zudem einige Prozent an Gebühren und Wechselkurs.

Für Studios, Escort-Agenturen und Portale

Die spannendere Lehre liegt im Geschäftsmodell selbst. Abonnements ersetzen in der ganzen Creator-Ökonomie zunehmend klassische Werbedeals, und Kundschaft ist bereit, für persönliche, exklusive Inhalte regelmässig zu zahlen. Wer in der Schweiz ein Studio, eine Agentur oder ein Portal betreibt, kann von dieser Logik profitieren, ohne von einer einzelnen Plattform abhängig zu sein. Ein Telegram-Kanal mit Anwesenheiten, exklusive Inhalte für Stammkunden oder ein Mitgliederbereich auf der eigenen Webseite folgen demselben Prinzip: direkte Beziehung, wiederkehrende Zahlung, keine Provision an Dritte.

Dazu kommt die Abhängigkeitsfrage. OnlyFans hat 2021 schon einmal angekündigt, explizite Inhalte zu verbieten, und den Entscheid erst nach massivem Widerstand zurückgenommen. Mit dem Einstieg institutioneller Investoren und einem möglichen Börsengang steigt der Druck auf die Plattform erneut, sich vom Erotikgeschäft zu distanzieren. Profis behandeln Plattformen deshalb als Verkehrsquelle, nicht als Fundament. Die eigene Domain, die eigene Kundendatei und eigene Kommunikationskanäle bleiben das einzige Kapital, das niemand per Richtlinienänderung abschalten kann.

Fazit

Die Zehnjahresbilanz von OnlyFans belegt, dass das Abo-Modell mit direkter Fan-Beziehung im grossen Stil funktioniert und enorme Summen bewegt. Sie belegt aber genauso, dass die Gewinne extrem konzentriert sind und dass die Plattform selbst kaum Reichweite liefert. Für die Schweizer Erotikbranche heisst das: Das Prinzip kopieren, die Abhängigkeit vermeiden. Wer eigene Reichweite aufbaut, wiederkehrende Einnahmen schafft und die Kundenbeziehung in der eigenen Hand behält, ist auf jede Plattform vorbereitet, ganz gleich, wem sie morgen gehört.