Wer heute in der Schweiz sexuelle Dienstleistungen anbietet, steht immer seltener an der Strasse. Der Kontakt zur Kundschaft läuft über Inserate auf Onlineportalen, getroffen wird man danach in privaten Zimmern oder Wohnungen. Für die Fachstellen, die Sexarbeitende beraten, ist das ein Problem: Wen man nicht mehr antrifft, dem kann man auch keine Hilfe anbieten. Das nationale Netzwerk für die Rechte von Sexarbeitenden hat darauf mit einer eigenen Software reagiert, die genau dort ansetzt, wo die Branche inzwischen lebt: bei den Inseraten.

Was passiert ist

Die Branche verschwindet von der Strasse

Die Zahl der Frauen auf dem Strassenstrich sinkt, und auch Bordelle und Clubs werden weniger. Weniger Prostitution bedeutet das nicht, sie hat sich lediglich verlagert: Die Kundschaft findet die Anbieterinnen über Anzeigen im Netz. Damit wird Sexarbeit weniger sichtbar, auch für die Beratungsstellen. Die Geschäftsleiterin des Netzwerks bringt es auf den Punkt: Durch die Digitalisierung des Sexgewerbes sei ein Teil der Sexarbeitenden mit der klassischen aufsuchenden Beratung nicht mehr erreichbar.

So funktioniert die Software

Das Netzwerk hat deshalb ein Programm entwickeln lassen, das Sexportale nach aktiven Anzeigen durchsucht und diese nach Regionen sortiert. Die in den Inseraten hinterlegten Telefonnummern erhalten anschliessend eine WhatsApp-Nachricht. Diese verweist auf das Hilfsangebot der Beratungsstelle im jeweiligen Kanton. Bisher mussten Beraterinnen die Nummern von Hand aus den Inseraten abschreiben. Mit dem Werkzeug sei die Arbeit viel effizienter geworden, heisst es beim Netzwerk, was mehr Zeit für die eigentliche Beratung lasse.

Die ersten Zahlen

  1. In der Pilotphase kam es zu rund 9000 Kontakten über WhatsApp.
  2. Rund zehn Prozent der angeschriebenen Frauen reagierten zeitnah auf die Nachricht.
  3. Viele andere meldeten sich erst später, etwa dann, wenn sie konkret Unterstützung brauchten.

Die Verantwortlichen betonen, dass das Onlinewerkzeug die persönliche Beratung vor Ort nicht ersetzt, sondern ergänzt. Auch einzelne kantonale Fachstellen testen seit einiger Zeit eine digital aufsuchende Arbeit und kommen zum selben Schluss: Der Kontakt übers Handy ist ein zusätzlicher Weg, kein Ersatz für das Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Was das für die Branche bedeutet: eine Einordnung

Das Inserat ist die neue Adresse

Aus unserer Sicht zeigt das Projekt vor allem eines: Das Onlineinserat ist heute der Ort, an dem Sexarbeit überhaupt noch sichtbar stattfindet. Wer dort eine Telefonnummer angibt, ist nicht nur für die Kundschaft erreichbar, sondern für alle, die Portale systematisch auswerten. Im Fall der Beratungsstellen ist das gewollt und hilfreich. Das legt aber nahe, dass dieselbe Technik auch von weniger wohlmeinenden Akteuren genutzt werden kann, etwa für Spam, Betrugsversuche oder Belästigung.

Echte Hilfe von Fälschungen unterscheiden

Für Anbieterinnen wird es deshalb wichtiger, eingehende Nachrichten einordnen zu können. Unsere Einschätzung: Eine seriöse Beratungsnachricht verweist auf eine bekannte kantonale Fachstelle und verlangt weder Geld noch Ausweisdaten. Wer unsicher ist, prüft die Kontaktangaben der Fachstelle selbst über deren offizielle Webseite, statt auf einen Link in der Nachricht zu klicken.

Was Portalbetreiber daraus lernen können

Für Betreiber von Erotikportalen ist das Projekt eine Chance, sich als verantwortungsvolle Plattform zu positionieren. Denkbar wäre aus unserer Sicht, Hinweise auf Beratungsstellen direkt im Inseratebereich oder im Anbieter-Login anzuzeigen, statt dass diese Informationen nur über Umwege ankommen. Gleichzeitig sollten Portale überlegen, wie gut sie Telefonnummern vor automatisiertem Massenauslesen schützen, zum Beispiel mit einem Klick zum Anzeigen oder mit Kontaktformularen. Beides ist eine Abwägung zwischen Reichweite und Schutz, die jedes Portal für sich treffen muss.

Für Studios und selbständige Anbieterinnen

Wer mit einer eigenen Webseite arbeitet, hat mehr Kontrolle darüber, welche Nummer öffentlich ist. Eine separate Geschäftsnummer, die nur für Inserate verwendet wird, trennt Privates und Berufliches. Das ist keine neue Erkenntnis, gewinnt aber an Gewicht, je mehr Software die Portale durchforstet, ob zur Hilfe oder aus anderen Gründen.

Fazit

Die Beratung folgt der Branche ins Netz. Das ist eine gute Nachricht für alle, die Unterstützung suchen, und zugleich eine Erinnerung daran, wie öffentlich ein Inserat heute ist. Wer im Netz wirbt, sollte die eigene Erreichbarkeit bewusst gestalten.

Hilfe und Beratung: Hier finden Sexarbeitende Unterstützung

Die Beratung ist kostenlos und vertraulich, unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Arbeitsform. Mehrere Fachstellen sind auch per WhatsApp erreichbar. Wer eine Nachricht erhalten hat und unsicher ist, ob sie echt ist, kann direkt bei der Stelle nachfragen. Im akuten Notfall gilt immer die Polizei-Notrufnummer 117.

Schweiz · Übersicht

ProCoRe

Nationales Netzwerk für die Rechte von Sexarbeitenden mit Sitz in Genf. Auf der Webseite findet sich die Liste aller Mitgliedstellen in der Deutschschweiz, der Romandie und im Tessin.

Zürich · Winterthur

Isla Victoria (Solidara Zürich)

Schöneggstrasse 24, 8004 Zürich
Telefon 044 291 66 00
Beratung auch per WhatsApp und SMS
islavictoria@solidara.ch
Walk-in: Montag bis Donnerstag, 11 bis 15 Uhr
Winterthur: Steinberggasse 33, Telefon 052 203 05 33

Zürich · Strasse und Escort

Flora Dora (Stadt Zürich)

Langstrasse 14, 8004 Zürich
Telefon 079 248 03 35 (Montag bis Freitag, 13.30 bis 22.30 Uhr)
floradora@zuerich.ch
Walk-in: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, 15 bis 18 Uhr

Zürich · Migration und Menschenhandel

FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration

Hohlstrasse 511, 8048 Zürich
Telefon 044 436 90 00
WhatsApp Opferschutz: 076 596 15 63
contact@fiz-info.ch

Bern · Biel · Thun

Xenia

Langmauerweg 1, 3011 Bern
Biel: Murtenstrasse 50 (dienstags) · Thun: Frutigenstrasse 4 (donnerstags)
Telefon 031 311 97 20
Mobil und WhatsApp: 079 511 97 20
info@xeniabern.ch
Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, 13.30 bis 16.30 Uhr

Luzern

Verein Lisa

Franziskanerplatz 1, 6003 Luzern
Telefon, WhatsApp und SMS: 079 502 76 55
kontakt@verein-lisa.ch
Dienstag 15 bis 17 Uhr, Donnerstag 14 bis 16 Uhr

Basel

Aliena

Webergasse 15, 4058 Basel
Telefon 061 681 24 14
Mobil 077 524 58 48
fachstelle@aliena.ch
Montag bis Donnerstag 9 bis 16 Uhr, Freitag 9 bis 15 Uhr

Solothurn

Lysistrada

Aarburgerstrasse 63, 4600 Olten
Telefon 078 338 43 35
info@lysistrada.ch

Aargau

seges, Beratung Sexarbeit

Entfelderstrasse 17, 5000 Aarau
Telefon 062 822 55 22

St. Gallen

Maria Magdalena

Friedaustrasse 1, 9000 St. Gallen
Telefon 058 229 21 67
info.mariamagdalena@sg.ch

Thurgau

Perspektive Thurgau

Oberstadtstrasse 6, 8500 Frauenfeld
Telefon 071 626 02 02
info@perspektive-tg.ch

Schweiz · Gewalt und Ausbeutung

Opferhilfe 142

Beratung bei Gewalt und Ausbeutung, vermittelt an die zuständige Opferhilfestelle im Kanton.
Telefon 142 · Notfall Polizei 117