Am Sonntag, 27. September, entscheidet die Genfer Stimmbevölkerung über eine Frage, die sonst selten an die Urne kommt: Soll der Kanton Verhütungsmittel für alle bezahlen? Die Kampagne dazu läuft unter einem Slogan, der auf Plakaten in der Innenstadt prangt: «Sex ist kein Luxus». Genf könnte damit der erste Kanton der Schweiz werden, der Verhütung flächendeckend finanziert.

Was ist passiert: die Fakten zur Vorlage

Was die Initiative verlangt

Die Volksinitiative stammt aus den Reihen der SP. Sie fordert, dass der Kanton sämtliche bewährten Verhütungsmethoden übernimmt: Kondome ebenso wie Pille, Spirale und hormonelle Methoden. Unterstützt wird das Anliegen von der Linken und von der Mitte.

Die Initiantinnen argumentieren mit den Kosten. Gerade langfristige Methoden wie eine Spirale kosten auf einen Schlag mehrere hundert Franken, und diese Last tragen heute in aller Regel die Frauen. Wer sich das nicht leisten kann, greift aus finanziellen Gründen zu einer weniger geeigneten Methode. Als weiteres Argument führen die Befürworter die Rate an Schwangerschaftsabbrüchen an: Sie liegt in Genf bei rund 10,5 pro 1000 Frauen und damit so hoch wie nirgends sonst in der Schweiz. Zudem verweisen sie auf Frankreich, wo das staatliche System Verhütungskosten zumindest teilweise übernimmt.

Was die Gegner einwenden

Auf der anderen Seite stehen vor allem die FDP und die Jungfreisinnigen. Ihr Hauptargument sind die Kosten von rund 20 Millionen Franken pro Jahr, die zudem nach dem Giesskannenprinzip verteilt würden: Gut verdienende Kaderleute würden genauso unterstützt wie Studentinnen. Grundsätzlich halten die Gegner Verhütung für Privatsache, in die sich der Staat nicht einmischen soll.

Interessant ist, wo die Gegner trotzdem Handlungsbedarf sehen: bei den sexuell übertragbaren Infektionen. Infektionen wie Tripper seien in Genf das grössere Problem der öffentlichen Gesundheit, gleichzeitig würden weniger Kondome benutzt. Deshalb befürworten sie eine staatliche Gratisabgabe von Kondomen, wie sie der Kanton ohnehin plant.

Was das für die Erotikbranche bedeutet: eine Einschätzung

Die folgenden Punkte sind unsere Einordnung und keine Ergebnisse der Abstimmungsdebatte.

Das Kondom rückt ins Zentrum

Aus unserer Sicht ist der spannendste Teil der Genfer Debatte nicht die Pille, sondern das Kondom. Befürworter und Gegner sind sich in einem Punkt einig: Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen ist eine öffentliche Aufgabe. Für die Erotikbranche, in der Safer Sex zum Berufsalltag gehört, ist das ein Signal. Wenn Kantone beginnen, Kondome als Gesundheitsleistung zu betrachten und nicht als Privatkauf, dürfte das langfristig auch die Diskussion darüber verändern, wer Schutzmaterial im Sexgewerbe bezahlt und wie Beratungsstellen ausgestattet werden. Das ist eine Annahme, keine beschlossene Sache.

Safer Sex als Qualitätsmerkmal kommunizieren

Die Debatte zeigt, dass sexuelle Gesundheit in der breiten Öffentlichkeit ohne Scham verhandelt werden kann, sogar auf Abstimmungsplakaten. Das legt nahe, dass Studios, Clubs und Escort-Anbieter ihre Hygiene- und Schutzstandards selbstbewusster zeigen dürfen. Eine klare Aussage auf der Webseite, etwa zu Kondompflicht und Hygiene, schafft aus unserer Erfahrung Vertrauen bei der Kundschaft und grenzt seriöse Betriebe von unseriösen Angeboten ab.

Genf als Testlauf für die Schweiz

Egal wie die Abstimmung ausgeht: Das Thema Verhütungskosten ist auf der politischen Agenda angekommen. Ein Ja in Genf würde vermutlich Nachahmer in anderen Kantonen ermutigen, ein Nein würde zumindest die Kondom-Lösung stärken, die auch die Gegner mittragen. Für Anbieter in der Romandie lohnt es sich, die Umsetzung genau zu verfolgen, etwa wie und wo Gratiskondome verteilt werden und ob Beratungsstellen im Sexgewerbe dabei einbezogen werden.

Fazit

Die Genfer Abstimmung ist mehr als eine Frage der Pillenpreise. Sie zeigt, dass Sexualität und Schutz zunehmend als Teil der öffentlichen Gesundheit verstanden werden. Für die Erotikbranche ist das eine Chance, Safer Sex nicht als lästige Pflicht, sondern als Aushängeschild zu kommunizieren.