30 Jahre Fleur de Pavé: Was die Lausanner Fachstelle über Sexarbeit im Netz lehrt
Seit dreissig Jahren begleitet die Fachstelle Fleur de Pavé in Lausanne Menschen, die im Kanton Waadt Sexarbeit leisten. Zum Jubiläum zieht die Organisation eine nüchterne Bilanz: Das Gewerbe hat sich vom Trottoir ins Smartphone verlagert, und mit ihm die Risiken. Für alle, die in der Branche mit Inseraten, Portalen und Webseiten arbeiten, lohnt sich ein genauer Blick.
Was passiert ist
Vom Bus auf der Strasse zur Beratung im Netz
Fleur de Pavé ist seit 1996 in Lausanne aktiv. Am Anfang stand ein Bus, der in den Strassen der Stadt Halt machte und Sexarbeiterinnen ein niederschwelliges Angebot bot. Der Bus fährt bis heute, doch das Team arbeitet inzwischen auch in Salons und ist stark im digitalen Raum präsent. Die Fachstelle richtet sich an alle Personen, die im Kanton Waadt sexuelle Dienstleistungen anbieten, unabhängig vom Geschlecht.
Der Grund für die Ausweitung liegt auf der Hand: Kontakte entstehen heute zunehmend online, Treffen finden vermehrt an privaten Orten statt. Fleur de Pavé spricht Anbieterinnen deshalb auch dort an, wo sie inserieren, und reagiert damit auf eine Entwicklung, die viele Fachstellen in der ganzen Schweiz beschäftigt.
Mehr Freiheit, neue Gefahren
Die Leitung der Fachstelle zeichnet zum Jubiläum ein ernüchterndes Bild. Digitalisierung bedeute nicht automatisch mehr Autonomie. Zwar gewinnen viele Sexarbeitende Flexibilität bei Arbeitszeiten und Arbeitsorten, gleichzeitig nehmen Probleme zu, die es auf der Strasse kaum gab:
- Fotos werden gestohlen und ohne Einwilligung weiterverbreitet.
- Betrügereien und Kundschaft, die nicht bezahlt, gehören zum Alltag.
- Wer allein online arbeitet, ist oft isoliert und hat niemanden, der im Notfall da ist.
Hinzu kommen die kantonal unterschiedlichen Regeln. Wer den Arbeitsort wechselt, steht vor anderen Pflichten und Abläufen, was gemäss der Fachstelle zusätzliche Unsicherheit schafft. Im Kanton Waadt müssen sich Sexarbeitende vor Aufnahme der Tätigkeit unter anderem in einem obligatorischen Informationsgespräch beraten lassen.
Ein Gratis-Portal als Gegenmodell
Besonders interessant für die Branche ist ein Projekt, das Fleur de Pavé gemeinsam mit der Genfer Organisation Aspasie betreibt: Call Me To Play, eine Plattform für erotische Inserate, die für Anbieterinnen und Anbieter kostenlos ist und es nach Angaben der Betreiberinnen auch bleiben soll. Das erklärte Ziel ist, Sexarbeitende von teuren, kommerziellen Inserateportalen unabhängiger zu machen, damit kein grosser Teil der Einnahmen in die Werbung fliesst.
Die Plattform verbindet Werbung mit Schutz: Neben den Inseraten gibt es Informationen für ein sichereres Arbeiten, etwa zu sexuell übertragbaren Infektionen und zu Gewalt, einen geschützten Austausch unter Escorts und den direkten Draht zu den Fachstellen. Die beiden Vereine unterstützen zudem bei Fragen rund um die Nutzung.
Jubiläum mit Debatte
Zum dreissigsten Geburtstag organisiert Fleur de Pavé eine Kampagne unter dem Titel «Le travail du sexe mis à nu», auf Deutsch etwa «Sexarbeit unverhüllt». Am 1. Oktober 2026 diskutieren im Lausanner Theater Arsenic Sexarbeitende, Forschende, Juristinnen und Fachleute über Gesundheit, Sicherheit, Rechte und die Entwicklung des rechtlichen Rahmens.
Was das für die Branche bedeutet: eine Einschätzung
Die folgenden Punkte sind unsere Einordnung und keine Aussagen der Fachstelle.
Portale müssen ihren Preis rechtfertigen
Ein kostenloses, von Fachstellen getragenes Portal ist aus unserer Sicht ein deutliches Signal an kommerzielle Anbieter. Reichweite allein dürfte als Argument auf Dauer nicht genügen. Portale, die Gebühren verlangen, werden sich stärker über Mehrwert definieren müssen: echte Verifizierung, Schutz vor Bildklau, Hilfe bei Fake-Profilen und einen erreichbaren Support. Wer hier investiert, hebt sich ab.
Bildschutz gehört ins Marketing
Wenn gestohlene Fotos zu den häufigsten Problemen zählen, ist Bildschutz kein Nebenthema, sondern Teil eines professionellen Auftritts. Das legt nahe: dezente Wasserzeichen, eigene Bildserien je Kanal, regelmässige Rückwärts-Bildersuche und Fotos, die nicht zwingend das Gesicht zeigen. Eine eigene Webseite mit klaren Regeln zu Bildrechten schafft zusätzlich Kontrolle über die eigene Marke.
Klare Regeln gegen Zahlungsausfälle
Kundschaft, die nicht bezahlt, ist kein reines Online-Phänomen, wird aber durch anonyme Erstkontakte begünstigt. Eine Einschätzung: Transparente Preise, klar kommunizierte Zahlungsmodalitäten und ein sauberer Ablauf bei Terminbestätigungen reduzieren Konflikte, bevor sie entstehen.
Vernetzung statt Vereinzelung
Die Isolation, die Fachstellen beschreiben, ist auch ein Sicherheitsrisiko. Aus unserer Sicht sind Angebote, die Austausch ermöglichen, etwa geschützte Foren oder Gruppen unter Kolleginnen, ebenso wichtig wie Reichweite. Wer allein arbeitet, sollte zumindest eine Vertrauensperson informieren und die Kontakte der regionalen Fachstelle griffbereit haben.
Hilfe und Beratung: Fachstellen in der Romandie und schweizweit
Wer im Netz Opfer von Bildklau, Betrug, Drohungen oder Gewalt wird, muss das nicht allein bewältigen. Diese Stellen beraten vertraulich, auf Wunsch anonym und in mehreren Sprachen.
Fleur de Pavé
Avenue de Sévelin 32B, 1004 Lausanne, 6. Stock
Telefon 021 661 31 21
WhatsApp: 079 339 57 51 (nur Nachrichten)
info@fleurdepave.ch
Mo 9 bis 12.30 Uhr, Di bis Fr 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
Aspasie
Rue des Pâquis 11, 1201 Genf
Telefon 022 732 68 28
aspasie@aspasie.ch
Beratung auch per WhatsApp/SMS, online und ohne Anmeldung
ProCoRe
Nationales Netzwerk für die Anliegen von Sexarbeitenden
Verzeichnis der Fachstellen in den Kantonen
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